27.09.2004: Treffen mit ehemaligen polnischen und holländischen Zwangsarbeitern an unserer Schule

 

 

Wie bereits in den letzten Jahren kam es am Montag, dem 27.September, zu einem Treffen zwischen ehemaligen

polnischen und holländischen Zwangsarbeitern und Schülern unserer Schule.

Da unsere Gäste im Laufe der vergangenen Woche bereits einige Veranstaltungen im Landkreis vor großen Podien

hinter sich hatten (s.Lokalpresse), entschlossen wir uns, dieses Treffen in einem kleinen Kreis durchzuführen.

 

Ich behielt mir vor, einzelne Schüler anzusprechen, die unsere Schule vertreten sollten: Schüler, die großes Interesse

im Fach Geschichte zeigten; Schüler, die zuverlässig sind; aber auch einige, die nicht zu den leistungsstärksten

und auch nicht - bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls - zu den zuverlässigsten gehörten.

Aber sie sollten eine Chance bekommen - und um es vorwegzunehmen: Ausnahmslos alle Schüler verdienen

ein großes Lob für ihr Auftreten und für ihren Einsatz.

 

An der Diskussionsrunde nahmen teil:

 

Bekim Berisa, 9a

Josephine Lietz, 9a

Christin Langer, 9a

Malte Koch, 9b

Fabian Szkoda, 9c

Benjamin Rommel, 9c

Vanessa Schulz, 9d

Afsana Rasuli, 9d

Susanne Bien, 10b

 

In der Küche rotierten:

 

Ronny Schulz, 8a

Sven Ventzke, 8a

Vivian Bruckhaus, 8b

Max Kahle, 8b

Cindy Gutschmidt, 8c

Ramona Rost, 8c

Stefanie Köhler, 9b

Angelique Schenk, 9c

Steve Drengner, 9d

Patrick Pollesche, 9d

 

Die Vorbereitung...

 

begann am Donnerstag vor dem Treffen. Frau Handke und ich fuhren am Nachmittag in die Metro nach

Waltersdorf, um einzukaufen. Rund 40 Personen sollten sich bei uns wohlfühlen - und dazu sollte

ein kleines zweites Frühstück und ein kräftiges Mittagessen beitragen. 40 Personen!

Das sprengte meine Vorstellungskraft - aber die Kollegin Handke ist in solchen Dingen Profi.

Im Vorfeld hatte sie schon alles aufgeschrieben - jede Kleinigkeit und sogar geordnet nach der Metro-Anordnung!

Ich entschloss mich, ihr mit dem Einkaufswagen zu folgen. Hier war sie der Chef, die Chefin!

Fast 4 Stunden in der Metro - meine Schilddrüse puckerte immer heftiger, mein quietschender Wagen

wurde voller und voller, die Waren versperrten mir den "Geradeausblick": Ich bin einfach zu klein für solche Aktionen...

Waren auf das Band, wieder in unsere Körbe, Waren ins Auto, später wieder aus dem Auto in die Schulküche.

Wie oft haben wir eigentlich die Waren angefasst? Jedenfalls war unsere Aktion gegen 19 Uhr beendet

und wir konnten weder Eier, Mehl, Tee, Kaffee, Hackfleisch mehr sehen...

Wir hatten gut gerechnet: 300 € vom Amt Schönefeld (vielen, vielen Dank!!!) - Kaufsumme: 296 € und ein paar Cent!

 

Am Montag  begann der Arbeitstag für das Team Küche unter Leitung von Frau Handke Punkt 7 Uhr:

Backen, in Spezialteams das Mittagessen vorbereiten (Kartoffeln schälen, Hackbällchen würzen und formen,

 Soßen zaubern, Dessert zubereiten, ...). Ich habe mal kurz in die Küche geguckt: ein organisierter

"Ameisenhaufen", verschiedene Gerüche, Zurufe - und mittendrin Frau Handke.

Ich vertreibe jeden aus meiner privaten Küche, wenn ich koche - und sie dirigiert (naja - auch Musiklehrerin)

ein zehnköpfiges Team auf 25 qm. Hut ab, Frau Kollegin!

 

Währenddessen ging es bei meiner Gruppe bedeutend ruhiger zu: 8 Uhr trafen wir uns,

erarbeiteten uns ein Video. Es beschrieb die Situation der ehemaligen Zwangsarbeiter in unserer Region

in den Jahren von 1940 bis 1945. Frau Carl, Mitarbeiterin der Kulturlandschaft e.V. aus Königs Wusterhausen

lieh es uns aus, um uns auf die Gesprächsrunde besser vorbereiten zu können. Unsere Ortschaften und Dörfer

(Schönefeld, Waltersdorf, Diepensee u.a.) und die nähere Umgebung (Wildau, KW, Berlin) kamen

in Wort und Bild vor: Dort mussten die ehemaligen Zwangsarbeiter schwer arbeiten,

um die deutsche Kriegsmaschinerie aufrecht zu erhalten. Daraus ergaben sich viele Fragen.

Wir trugen sie zusammen, schleiften noch ein bisschen am Satzbau und an der Formulierung.

In Kürze wollten wir sie unseren Gästen stellen und Antworten erhalten.

Ich machte meine Schüler darauf aufmerksam, dass unser Besuch zur ältesten Generation gehört –

70, 80jährige Männer und Frauen. Das heißt: Empfang auf dem Schulhof, Führen auf der Treppe,

Abnehmen der Jacken. Gut, ich hätte es nicht sagen müssen - so jedenfalls Bekims Reaktion:

 "Aber das wissen wir doch alles..." - Sorry, war mir nicht ganz sicher.

Mit einiger Verspätung kamen unsere Gäste - und vom Aussteigen bis zur Verabschiedung:

Es gab keine Berührungsängste. Selbstbewusste, betagte Männer und Frauen - nette Schüler.

An unsere vorbereiteten Tische setzten sich die Schüler zwischen ihre Gäste.

Es sollten keine zwei Seiten entstehen, sondern wir wollten miteinander sprechen.

Frau Carl sprach einleitende Worte, der Rektor unserer Schule, Herr Börner, schloß sich ihr an.

Es folgte ein interessanter Beitrag eines Mitarbeiters der Kulturlandschaft über die Einsatzschwerpunkte

der Zwangsarbeiter in unserem Landkreis.

Einige Gäste wurden uns namentlich vorgestellt. Besonders beeindrukkend war eine polnische Frau:

Auf einem Flyer war sie als junges Mädchen abgebildet (Foto ihres Arbeitsausweises),

im Video kam sie vor - und jetzt war sie mitten unter uns: Frau Domanska, heute 76 Jahre alt.

 

Jetzt konnten wir unsere Fragen stellen. Im Folgenden eine Auswahl:

 

Vanessa:

Können Sie Ihre Eindrücke schildern, wenn Sie heute Deutschen begegnen?

 

Antworten:

 

-nach 60 Jahren sei es rührend, wie die heutige Generation der Deutschen sich ihnen

gegenüber verhalte (nettes Auftreten, Interesse an der Vergangenheit)

 

-Erinnerungen negativer Art kommen wieder, aber die Deutschen heute sind anders...

 

-sie seien immer freundlich aufgenommen wurden, dafür sind sie sehr dankbar

 

Afsana:

Erzählen Sie bitte etwas über Ihre Lebensbedingungen als Zwangsarbeiter!

 

Antworten:

 

-nach heutigen Schätzungen /Kenntnissen gab es 17500 Zwangsarbeiter in dieser Region

 (mehr als die Hälfte waren 17 oder 18 Jahre jung, die Jüngsten erst 13 Jahre)

 

-sie wurden aus ihren Familien willkürlich herausgerissen, oft auf offener Straße,

  manche auf dem Schulweg, andere bei anderen Besorgungen

 

-die Baracken waren stark verschmutzt; oft gab es erst nach Monaten einen Wasseranschluss

 

Josephine:

Gab es Kontakte nach Hause, zu den Familien?

 

Antworten:

 

-man durfte Briefe schreiben, aber je näher das Kriegsende kam, desto seltener,

  unregelmäßiger wurde die Post

 

-das Schlimmste war das Heimweh, die Unsicherheit, ob man seine Familie überhaupt wiedersehen würde

 

Bekim interessierten besonders die hygienischen Bedingungen...

 

Antworten:

 

-Seife war ein kostbares Gut, nicht jeder verfügte darüber

 

-das Waschen musste schnell gehen; Hunderte wollten sich reinigen nach 12 bis 14 Stunden schwerer Arbeit

 

Ob sie geschlagen wurden, wollte Fabian wissen.

 

Antworten:

 

-eigentlich nicht, denn sie sollten ja arbeiten für das Reich

 

-bestraft wurde jemand, der das Arbeiten verweigerte - aber das riskierte kaum jemand

 

Malte könnte sich vorstellen, dass an Flucht gedacht wurde...

 

Antworten:

 

-man wusste über die Ausweglosigkeit, deshalb wurde kaum ein Versuch unternommen

 

Ein Beispiel wurde erzählt, dass ein junges polnisches Mädchen versucht hatte,

nach Hause zu gelangen. An der "Grenze" wurde es verhaftet, eine Woche Verhör durch die Gestapo folgte.

Danach wurde es ins Lager zurückgebracht. Das Motiv des Mädchens: unerträgliches Heimweh.

 

Vanessa wollte wissen, ob jemand der Anwesenden Tagebuch geschrieben hat.

 

Antworten:

 

-allgemeines Kopfschütteln: Nach so schwerer Arbeit in der Flugzeugin-

dustrie wollte man nur noch schlafen

 

-Herr van Uitert erzählte, dass er 62 Briefe an seinen Vater geschrieben habe. Diese hat er noch immer.

 

-Ein Freund, der in Treptow gearbeitet hat, habe Tagebücher geschrieben.

 Er kam bei einem Bombenangriff ums Leben. Zwei Tagebücher konnte man noch finden

 und seinen Eltern in Holland übergeben.

 

 

Christins Frage zum Thema Essen / Nahrung...

 

Antworten:

 

-zu 90% war es schlecht: Kohlsuppe mit einzelnen Kartoffelstücken

 

-Margarine und Brot - viel zu wenig für schwer arbeitende Jugendliche

 

Susanne wollte wissen, ob sie den Kriegsverlauf, das kommende Ende im Radio verfolgen konnten.

 

Antworten:

 

-Radios waren streng verboten

-als sich die Fliegerangriffe häuften, glaubte man an ein baldiges Ende

 

-eine polnische Zwangsarbeiterin erwähnte, dass sie 7 Tote nach Bombar-

dierungen mit eigenen Augen sah

 

 

Nicht alle uns interessierende Fragen konnten wir stellen - die Zeit wurde etwas knapp.

Das Mittagessen (Vorsuppe,Königsberger Klopse mit Reis oder Kartoffen, Nachtisch) war so toll,

dass Herr van Uitert lobte: "Wir saßen zu Tisch wie Könige und Kaiser..."

 

Nach kurzer Verdauungspause waren wir sehr gerührt: V.a. unsere männ-

lichen Gäste waren echte Kavaliere und Charmeure. Die Schülerinnen und Kolleginnen bekamen Handküsse.

Viele erröteten, genossen es aber. Alte Schule, eben.

Nach dem Abschiedsfoto wurden z.B. Vanessa, Afsana und Susi von unseren Gästen so umarmt

und geherzt und nicht mehr losgelassen, dass ich aufpassen musste, dass sie nicht "entführt" werden.

 

Schon merkwürdig: Da wurden diesen Menschen Jahre ihres Lebens gestohlen - und sie begegnen

der heutigen jungen Generation in Deutschland mit so großer Aufgeschlossenheit und Herzlichkeit.

Ich denke, und die Reaktionen der Schüler haben es auch gezeigt, für diese war es ein Erlebnis besonderer Art.

Sie sind vielleicht den letzten Zeitzeugen des 2.Weltkrieges begegnet.

Ob sich noch einmal die Gelegenheit dafür bietet, ist ungewiss: Unsere Gäste waren weit über 70 Jahre,

die Fördermittel für Frau Carl und ihre Mitarbeiter von der Kulturlandschaft e.V. werden nächstes Jahr

wohl nicht mehr bereitgestellt werden.

Bleibt die Hoffnung, dass sich noch andere Möglichkeiten ergeben, um diese Zeitzeugen einzuladen.

Wir wissen noch längst nicht alles...

 

Unser Dank geht an Frau Carl und Frau Keil von der Kulturlandschaft.

Durch ihre Arbeit wurden die Treffen erst möglich.

Dank auch an das Amt Schönefeld, das uns finanziell unterstützte und durch Frau Schulze auch vertreten war.

 

Franka Rehfeldt (FL Deu/Ge)

Susanne Bien (10b)

 

Bilder zum Treffen: